Young Talent: Wenyan Xu

Wenyan Xu
Studium: Instituto Marangoni, Academy Brera, HEAD - Genève
Fokus
Label & Socials
Kannst du uns mehr über dein neuestes Fashion Tech Projekt erzählen? Worum geht es dabei?
Unsere Plattform heißt yowoy – ein Name, der von der Beziehung zwischen dem «Du» und dem «Du» im Spiegel inspiriert ist (you + uoy).
Yowoy ist ein Digital Twin System, das auf hochpräzisen Körperdaten basiert. Es hilft Nutzer*innen, die richtige Passform zu finden, ihre Haltung zu verbessern und ein tieferes Bewusstsein für den eigenen Körper und die eigene Gesundheit zu entwickeln. Während sich die meisten virtuellen Fitting Plattformen auf Masse konzentrieren, führen wir das Konzept der Aesthetic Intelligence ein: Maschinen werden nicht nur darauf trainiert zu berechnen, sondern Schönheit zu erkennen.
Ein ebenso zentraler Aspekt ist für mich die Community. Digitale Zwillinge mit ähnlichen Körpertypen und Stilpräferenzen finden hier ganz natürlich zueinander und können gemeinsam erkunden, was für sie wirklich funktioniert. In diesem Sinne wird yowoy zu einem gemeinsamen Spiegel, einem Raum für kollektive Selbstentdeckung.
Technologie sollte Menschen helfen, sich selbst klarer zu sehen – nicht sie zu definieren.
Wann hast du gemerkt, dass du ein Fashion Tech Unternehmen gründen möchtest?
Vor drei Jahren in Mailand verbrachte ich fast zwei Stunden damit, die Grössentabelle für eine Jeans auf einer französischen Website zu entschlüsseln. Als das Paket endlich ankam, war ich enttäuscht. Ich konnte kaum darin atmen und selbst mit acht Zentimeter hohen Absätzen schleifte der Saum noch über den Boden. Diese Erfahrung löste eine vertraute Form von Körperunsicherheit aus. Ich begann, meinen eigenen Körper zu hinterfragen anstatt des Systems. Nach zwei Tagen ziemlich nutzloser Selbstvorwürfe blieb eine Frage: Warum müssen sich reale Körper an ein System anpassen, das offensichtlich nicht für sie gemacht ist?
Ich begann mir vorzustellen, was passieren könnte, wenn Produktionsdaten von Kleidung auf einen hochpräzisen digitalen Körper übertragen würden. Als Modedesigner*innen verstehen wir Proportionen, Konstruktion und Bewegung weit über reine Masse hinaus. Genau diese gestalterische Logik wollte ich in die Technologie bringen. Mit yowoy entfernen wir uns von nüchternen Grössenempfehlungen. Stattdessen könnte das System sagen:
«Die Silhouette dieses Mantels verlängert optisch deinen Hals.»
«Diese Woche könnten bestimmte Übungen deine Schulterhaltung verbessern.»
«Bestimmte Rockformen funktionieren besonders gut für birnenförmige Körper.»
Technologie sollte Menschen helfen, sich selbst klarer zu sehen – nicht sie zu definieren.

©Wenyan
Was bedeutet es für dich, deinen beruflichen Weg zu verändern?
Glaubst du an den Humor des Universums? Wenn ich auf meine zehn Jahre als Modedesignerin zurückblicke, war dieser Weg voller unerwarteter Wendungen. Der surrealste Moment ereignete sich letztes Jahr auf dem Weg zu einer Modenschau an der EHL in Lausanne: Meine gesamte Kollektion wurde auf dem Transport gestohlen. In diesem Augenblick wusste ich, dass es Zeit war, meine Schere aus der Hand zu legen.
Und doch hat mich meine Leidenschaft für die Branche nicht losgelassen – im Gegenteil. Der Schritt von der Designerin zur Tech Gründerin fühlt sich weniger wie ein Bruch an als vielmehr wie eine Weiterentwicklung. Ich gestalte noch immer Schönheit. Früher arbeitete ich mit Stoffen auf der Haut, heute forme ich die intime Beziehung zwischen Daten und menschlicher Emotion. Meine frühere Arbeit kleidete wenige, meine heutige nutzt Technologie, um viel mehr Menschen zu erreichen. Ich habe die Mode nicht verlassen, sondern einen tieferen Zugang zu ihr gefunden.
Hast du konkrete Pläne für deine Zukunft?
Auf unternehmerischer Ebene ist mein Ziel, in diesem Jahr eine Finanzierung zu sichern und yowoy zum Leben zu erwecken. Die zentralen Ideen sollen über die nächsten drei Jahre schrittweise umgesetzt werden. Parallel dazu bewerbe ich mich für ein PhD Programm. Mit dem rasanten technologischen Fortschritt gewinnen Fragen rund um das «Uncanny Valley» zunehmend an Bedeutung. Was mich jedoch noch stärker beschäftigt, ist die Frage, wie wir Nutzer*innen zu einem gesunden Selbstbild begleiten können, wenn sie mit einer hochrealistischen digitalen Version ihres eigenen Körpers konfrontiert sind. Ich möchte, dass yowoy nicht nur effektiv ist, sondern auch verantwortungsvoll mit dieser Erfahrung umgeht.

©Wenyan
Was wünschst du dir von der Schweizer Mode und Designbranche?
Im Jahr 2025 brachte mich ein Erasmus Austausch an die HEAD – Genève und markierte den Beginn meiner Verbindung zur Schweiz. Wenn man an Schweizer Design denkt, kommen oft Präzision, Rationalität und Funktion in den Sinn. Das Leben hier hat meinen Fokus verschoben – weg von reiner Ästhetik und Handwerk hin zu einem stärker menschenzentrierten Ansatz.
Es gibt eine grosse Chance, diese Präzision auf die Gestaltung digitaler Erlebnisse rund um den Menschen zu übertragen. Deshalb wünsche ich mir für yowoy Kooperationen mit Schweizer Partnern aus den Bereichen Gesundheitswesen, Datensicherheit und anthropologische Forschung.
Den Körper zu befreien bedeutet, die Annahmen loszulassen, die wir über ihn treffen.
Welches Projekt wäre für dich eine Traum Kollaboration?
Ich bin von Natur aus eine Träumerin, aber auch jemand, der konsequent daran arbeitet, Ideen Realität werden zu lassen. Vor ein paar Tagen sagte meine Fotografenfreundin während der Paris Fashion Week etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: «Kleidung ist viel mehr als eine zweite Haut; sie verleiht dir eine temporäre Identität voller Energie. Sie erzeugt ein magnetisches Feld, das es dir erlaubt, dich mit unterschiedlichen Momenten zu verbinden.»
Mein Traumprojekt wäre der Aufbau eines digitalen Resonanzsystems – eines Raums, in dem Menschen spüren können, wie sie sich zu einem bestimmten Moment verhalten, und in dem Technologie diese Verbindung zwischen Körper, Kleidung und Umgebung leise verstärkt.
Auf welches Projekt bist du besonders stolz?
Ich bin besonders stolz auf die Kollektion, die auf dem Weg zum Runway gestohlen wurde: Free Your Body Parts. Die Idee entstand aus einem alltäglichen Moment. Meine geschwollenen Füsse passten nicht mehr in meine Schuhe. Daraus entwickelte sich eine Auseinandersetzung mit der Frage, warum Kulturen immer wieder versuchen, den Körper in eine ideale Form zu pressen. Durch den Kontrast von weichen und starren Materialien erforschte ich die Spannung zwischen Einschränkung und Freiheit.
Die Kollektion hatte keinen kommerziellen Erfolg, aber sie markierte einen klaren und bedeutungsvollen Abschluss meiner physischen Designphase. Den Körper zu befreien bedeutet, die Annahmen loszulassen, die wir über ihn treffen. Mit yowoy lebt diese Idee in anderer Form weiter: Technologie als Mittel, uns selbst ehrlicher zu begegnen.
©Wenyan
Hier findest du mehr über Wenyan's Projekt: Instagram
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