Designer Spotlight: Mademoiselle L

Die Genfer Designerin Laurence Imstepf entwirft Kleidung wie Architektur: konstruiert, funktional und gemacht für echte Bewegung im urbanen Alltag. Im Gespräch mit the edit. spricht sie über ihren Weg von der HEAD in Genf zur eigenen Marke, über Minimalismus mit Tiefe, lokale Produktion, neue Produktionszyklen jenseits des klassischen Modekalenders und darüber, warum die Schweizer Modeszene oft unterschätzt wird – obwohl diese viel zu erzählen hat.
Ich liebe Linien, Geometrie, Proportionen und Räume.
Laurence, du hast an der HEAD, der bekannten Modehochschule in Genf, studiert und 2006 als «Best of the Year» abgeschlossen. Was haben dir das Studium und diese Auszeichnung ermöglicht?
Das Studium hat mir die Basis für alles gegeben. Ich habe dort alles über Mode gelernt. Schon während der Schule habe ich begonnen, unter dem Namen Mademoiselle L zu entwerfen. Meine Diplomkollektion war gleichzeitig die erste Kollektion meines Labels. Stilistisch hat sich seither vieles verändert, aber der Name war von Anfang an da. Nach dem Diplom gab es einen Presseartikel, eine Boutique meldete sich bei mir, und ich wusste: Ich möchte diesen Weg weitergehen und meine eigene Marke aufbauen.
Du hast direkt nach dem Abschluss auch eine Förderung erhalten.
Ja, ich habe ein Stipendium vom Centre d’Art Contemporain erhalten. Das war sehr wichtig, weil ich dadurch finanziell die Möglichkeit hatte, wirklich zu starten und meinem Label einen professionellen Anfang zu geben.
©Mademoiselle L
Dein Label steht für Funktionalität, Kreativität und Individualität. War das von Anfang an deine klare Strategie?
Nein, überhaupt nicht. Am Anfang war alles sehr intuitiv, ohne Strategie. Ich habe einfach entworfen und Kollektionen gemacht. Erst 2012 habe ich bewusst eine Pause eingelegt und mich gefragt: «Was ist Mademoiselle L?» Ich habe angefangen, über DNA, Positionierung und Marketing nachzudenken und mit anderen Menschen daran gearbeitet. In dieser Phase sind die Begriffe entstanden, die heute meine Marke beschreiben.
Und welche wären das?
Architektonisch, funktional und zeitlos.
Deine Kleidung wird oft als urban, minimalistisch und grafisch beschrieben – mit architektonischen Linien. Was bedeutet «architektonisch» für dich?
Architektur ist für mich Konstruktion. Wie ein Hausbau. Ich liebe Linien, Geometrie, Proportionen und Räume. Der Schnitt ist extrem wichtig, denn er ist die Konstruktion des Kleidungsstücks. Für mich ist ein Kleid wie ein Haus für den Körper.
Gibt es bestimmte Silhouetten oder Proportionen, die typisch für deine Designs sind?
Ich arbeite viel mit geometrischen Formen, vor allem mit Rechtecken und klaren Linien. Alles ist sehr strikt und klar gedacht, aber im Inneren gibt es immer Details, die man nicht sofort sieht. Es ist minimalistisch, aber mit sehr viel Arbeit dahinter.
©Mademoiselle L
Du sagst, dass Streetwear und Sportswear deine Arbeit beeinflussen. Wie zeigt sich das konkret?
Vor allem durch Komfort. In Sportswear kann man sich bewegen, rennen, leben. Ich möchte elegante, urbane Kleidung machen, die trotzdem bequem ist. Für mich ist das eine Mischung aus Tailoring und sportlichen Details. Eine strenge Hose mit sportlichem Element, ein Trainingsmaterial mit einer Jacke. Diesen Mix liebe ich.
Wie beginnt bei dir normalerweise eine neue Kollektion?
Sehr chaotisch. Nach einer Kollektion brauche ich zuerst einen Monat, in dem ich reflektiere. Dann entstehen im Kopf Bilder, Farben und Bewegungen. Erst später beginne ich zu zeichnen, Stoffe zu suchen und Ideen zusammenzuführen. Irgendwann kommt der Moment, in dem ich stoppe, Entscheidungen treffe und die Kollektion konstruiere. Danach arbeite ich sehr intensiv an Details, am Fall der Stoffe und an Prototypen.
Ein Kleid muss Sinn machen, wenn man sich bewegt.
Testest du deine Designs immer am Körper?
Ja, unbedingt. Ein Kleid muss Sinn machen, wenn man sich bewegt. Man merkt sofort, ob etwas angepasst werden muss. Ich überarbeite Prototypen oft mehrmals, manchmal sehr minimalistisch, manchmal bis auf Millimeter genau.
Wer trägt typischerweise Mademoiselle L?
Urbane Frauen, die viel arbeiten und gut angezogen sein wollen. Kleidung, die man den ganzen Tag tragen kann – im Beruf wie auch privat. Die Teile lassen sich gut kombinieren und an verschiedene Lebenssituationen anpassen.
Im Jahr 2022 hast du den L-Store in Genf eröffnet. Was hat dich dazu motiviert?
Ich hatte diesen Wunsch schon seit 2012. Für mich ist es wichtig, mein eigenes Universum zu zeigen. Ich gehe selbst lieber in einen Laden und probiere Kleidung, anstatt online zu bestellen. Der Store war ein sehr natürlicher Schritt.
Neben deinem eigenen Brand verkaufst du dort auch andere Marken. Nach welchen Kriterien wählst du diese aus?
Es sind ausschliesslich Schweizer Designer*innen, vor allem Accessoires und Schmuck. Viele kommen aus Genf und haben dort studiert. Mir ist wichtig, die Schweizer Modeszene zu fördern.
©Mademoiselle L
Du hast dich bewusst vom klassischen Modekalender verabschiedet und produzierst heute eine Kollektion pro Jahr. Warum?
Früher hatte ich zwei Kollektionen pro Jahr, also Frühling/Sommer und Herbst/Winter, und war immer zu spät. Es war sehr stressig. Nach dem Wegfall meiner Produktionsstätte habe ich entschieden, mein System komplett zu ändern. Jetzt produziere ich eine Kollektion mit neun Outfits, die über das Jahr verteilt erscheinen, immer passend zur Saison.
Was hat dieses System verändert?
Operativ ist es viel besser. Ich habe weniger Kosten, weniger Materialverlust und bin immer in der Saison. Für meine Kundinnen ist es exklusiver, weil es kleine Serien sind. Kreativ bleibt es eine echte Kollektion mit einer klaren DNA.
Du produzierst inzwischen lokal in deinem Atelier in Versoix. Was sind die Vorteile?
Ich habe die komplette Kontrolle über alles. Anpassungen sind einfacher und nicht so teuer wie bei externer Produktion. Der grösste Nachteil ist die Zeit, aber für mich überwiegen die Vorteile.
Du produzierst in kleinen Mengen. Wie entscheidest du über Grössen und Stückzahlen?
Das basiert vor allem auf Erfahrung. Die Grössen 38 und 40 verkaufen sich am besten, deshalb produziere ich davon mehr. Mein Ziel ist es, möglichst wenig Überschuss zu produzieren.
Schweizer Mode ist wie die Schweiz selbst: ruhig, zurückhaltend – aber stark.
Welche Pläne hast du für die Zukunft?
Ich möchte meine Marke weiterentwickeln und mein aktuelles System stabilisieren. Das ist bereits die dritte Kollektion mit meinem neuen Modell. Ich bin offen für Kooperationen, aber nur wenn sie für beide Seiten sinnvoll sind.
Wie siehst du die Entwicklung der Schweizer Mode?
Die Schweizer Modeszene existiert, aber sie ist oft unsichtbar. Es gibt viele talentierte Designerinnen und Designer, aber sie sind international noch wenig präsent. Schweizer Mode ist ein bisschen wie die Schweiz selbst: ruhig, zurückhaltend – aber sehr stark.
©Mademoiselle L
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