Modulare Freiheit

Eine Europareise im VW-Bus, eine Lücke im Markt und ein Ingenieur mit Gespür für Design: So begann die Geschichte von Reslides. Das Zürcher Start-up stellt modulare Sandalen her, deren Riemen, Sohlen und Schnallen sich separat austauschen und zurückgeben lassen – ein konsequenter Ansatz zur Kreislaufwirtschaft, der Mode und Nachhaltigkeit nicht gegeneinander ausspielt, sondern zusammendenkt. Wir haben mit Gründer Benno Reichard gesprochen.
©Reslides
Benno, Reslides gibt es seit 2021. Wie ist die Idee entstanden?
Die Idee ist auf einer Reise entstanden. Wir haben uns mit dem VW-Bus durch Europa bewegt, meine Kinder waren damals zwei und vier Jahre alt. Ich hatte gerade meine Stelle als Designer bei Mammut nach siebeneinhalb Jahren verlassen und wollte mir bewusst Zeit nehmen, um zu überlegen, was als Nächstes kommt. Auf dieser Reise habe ich gemerkt, dass ich eigentlich die meiste Zeit offene Schuhe trage, auf dem Campingplatz, in der Stadt, überall. Aber was ich hatte, waren Flip-Flops und abgenutzte Birkenstocks. Ich habe mir gedacht: Es muss doch etwas geben, das urban genug ist für einen Abend in Stockholm, aber trotzdem offen und praktisch für ein Leben im Camper Van. Ich habe gesucht und nichts gefunden, also habe ich angefangen, selbst etwas zu entwickeln.
Du bist Maschinenbauingenieur mit Vertiefung in technischem Design – kein klassischer Modedesigner. Wie bist du auf den Kreislaufgedanken gekommen?
Ich war schon damals ein grosser Fan des Cradle-to-Cradle-Ansatzes – die Idee, Produkte wirklich in Kreisläufen zu denken, hat mich schon länger beschäftigt. Sandalen sind eigentlich ein ideales Produkt dafür, weil sie verhältnismässig einfach aufgebaut sind: ein Band, eine Schnalle, eine Sohle. Wenn man das konsequent modular denkt, kann man jedes Element separat austauschen oder recyceln. Ich habe dann vorerst an einer technischen Lösung mit Klemmmechanismus gearbeitet, der zerstörungsfrei lösbar ist – und dafür schliesslich ein Patent angemeldet.
Die Reslides Sandalen lassen sich in ihre Komponenten zerlegen ©Reslides
Erkläre uns das Konzept von Reslides kurz: Was macht eine Reslides-Sandale anders?
Die Grundidee ist, durch Modularität Freiheit zu schaffen: reparieren, spielen, austauschen, sich verändern können. Der grösste Treiber von Überkonsum in der Mode ist die ständige Veränderung. Ständig kommen neue Trends, Farben und neue Kollektionen. Wenn du einfach den Riemen wechseln kannst, brauchst du keine neuen Schuhe zu kaufen. Das ist der Kern. Dazu kommt das Take-Back-System: Wir nehmen die Komponenten zurück und führen sie in den Materialkreislauf zurück.
Wie funktioniert das Thema Kreislauffähigkeit bei euch konkret, ihr sprecht von drei Säulen?
Genau. Die erste Säule ist die Reparierbarkeit: Wenn eine Schnalle bricht, tauscht man nur die Schnalle aus, nicht den ganzen Schuh. Die zweite ist die Veränderbarkeit: Man kauft nicht jedes Jahr neue Sandalen, sondern einfach neue Riemen. Das verlängert den Lifecycle des Produkts enorm, und das hat einen der grössten ökologischen Impacts überhaupt. Die dritte Säule ist das Schliessen des Materialkreislaufs: Wir arbeiten mit einem Rückgabesystem und einem sogenannten Circularity Credit. Wer seine Sandalen zurückgibt, bekommt diesen speziellen Pfand als Cashback oder als Gutschrift retour. Freiwillig machen das leider sehr wenige, also braucht es diesen Anreiz. Aktuell kann man die Sandalen auch bei Transa zurückgeben, was ich besonders schön finde. Das soll in Zukunft übrigens auch gehen, wenn man sie nicht dort gekauft hat.
Wir nehmen die Komponenten und führen sie in den Materialkreislauf zurück.
Viele Brands sprechen von Nachhaltigkeit. Wo zieht ihr die Grenze zum Greenwashing?
Für mich ist es konkret oder es ist nichts. Wir haben uns von Anfang an auf ein Material – TPU – fokussiert, das sich einschmelzen und wiederverwenden lässt, weil es Thermoplast ist. Wir haben einen Schweizer Schnallenhersteller, wir produzieren die Sohlen bei einem Familienunternehmen in Italien, das unter anderem für High-End-Brands arbeitet. Die Riemen kommen mittlerweile zunehmend aus der Region Como in Italien, nachdem wir anfangs wegen der hohen Mindestbestellmengen in Europa einen Lieferanten in China hatten. Das ist auch ein Kompromiss, den wir offen kommunizieren. Wir brauchen eine breite Angebotspalette, denn mit zwei Farben hätten wir nicht zeigen können, wie vielfältig das Konzept ist. Jetzt peu à peu nach Europa zu wechseln, macht für uns Sinn.
Gibt es einen Moment, der euren bisherigen Weg besonders geprägt hat?
Es gab einen Punkt, an dem wirklich alles auf einmal zusammengebrochen ist: Der Produzent sagte, das Material funktioniert nicht, ein Co-Gründer ist abgesprungen, und die ersten Prototypen haben die Tests nicht bestanden. Da war ich kurz davor, das ganze Projekt aufzugeben. Ich habe mir dann eine Auszeit genommen und gelernt: Ich bin ein Produktmensch. Ich brauche jemanden, der die anderen Seiten – Verkauf, Marketing, Business – abdeckt. Als ich Lars als Co-Gründer gefunden habe, hat sich das dann verändert und wir konnten seit Frühjahr 2025 bereits über 2000 Menschen mit unseren Sandalen glücklich machen.
Wir haben uns von Anfang an für einen minimalistischen, sehr reduzierten Look entschieden.
Musstet ihr irgendwo Kompromisse zwischen Ästhetik und Nachhaltigkeit machen?
Bei der Ästhetik eigentlich nie. Wir haben uns von Anfang an für einen minimalistischen, sehr reduzierten Look entschieden und das ist konsequent, weil auch das Produkt selbst auf das Wesentliche reduziert ist. Man soll die Modularität sehen. Die Kompromisse liegen eher in der Praktikabilität: Der Schuh ist nicht so durchgepolstert wie ein klassischer Birkenstock, weil wir kein Material verwenden, das sich nicht wieder trennen lässt. Das ist eine bewusste Entscheidung. Die Spielwiese für Ästhetik ist riesig – mit Mustern, Kollaborationen und Limited Editions.
©Reslides
Wie würdest du Reslides in drei Worten beschreiben?
Veränderbar. Selbstbestimmt. Zukunftsfähig.
Wen wollt ihr damit ansprechen?
Wir denken in mentalem Alter, nicht in Jahrgang: 25 bis 45, qualitätsbewusst, mit einem gewissen Stilanspruch und dem Bewusstsein, dass Konsum Konsequenzen hat. Leute, die eine Freitag-Tasche kaufen, aber vielleicht auch ein Acne-Piece. Die wollen wir erreichen weil sie Stilprägend sind. Wenn wir diese Leute überzeugen, hat das eine Wirkung weit über ihre eigene Kaufentscheidung hinaus.
Habt ihr Kollaborationen in Planung?
Wir haben gerade mit einem Street Artist aus Basel eine Limited Edition kreiert, die noch in diesem Sommer gedroppt werden soll. Er hat die Riemen als kreative Projektionsfläche verwendet und mit Transferdruck eine super spannende Kollektion erschaffen. Und es gibt eine Longlist. Ich finde den Ansatz von QWSTION und Bananatex extrem spannend. Mit Freitag habe ich bereits gesprochen, dort schwebt uns etwas Grösseres vor: eine Art Capsule, bei der auch ihre Taschen mit den gleichen modularen Teilen funktionieren würden. Das ist noch Zukunftsmusik, aber die Bereitschaft ist da. Ich finde auch die Idee sehr reizvoll, mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten – also wirklich Bubbles zu verbinden, die sich sonst nicht überschneiden.
©Reslides
Wie siehst du die Entwicklung der Schweizer Modeszene im Allgemeinen?
Ich bin immer wieder überrascht, wie viel es da gibt und wie wenig davon nach aussen sichtbar ist. Man stösst ständig auf Brands und Initiativen, von denen man noch nie gehört hat. Was mir fehlt, ist eine echte Vernetzung: Dass man sich als Schweizer Brand identifiziert, sich gegenseitig kennt und unterstützt. Das passiert zwar im Kleinen, über persönliche Kontakte, aber strukturell wäre da noch viel Potenzial.
Was würdest du dir für die Schweizer Modeszene wünschen?
Mehr Zusammengehörigkeit. Dass man sich gegenseitig sichtbar macht, voneinander weiss und sich unterstützt, nicht nur, wenn man sich zufällig kennt. Es fehlt ein Hub, ein Knotenpunkt, der diese Vernetzung aktiv ermöglicht. Wer das in die Hand nehmen würde, würde der ganzen Szene einen echten Dienst erweisen.
©Reslides
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