Designer Spotlight: Janine Grubenmann

Vom Ingenieurbau in die Mode: Janine Grubenmann verbindet technisches Denken mit einer klaren ästhetischen Haltung. Ihre Entwürfe sind architektonisch, funktional und bewusst langlebig. Im Gespräch mit the edit. erzählt sie, warum sie Mode anders denken will, weshalb Nachhaltigkeit für sie mehr mit Transparenz als mit Schlagworten zu tun hat – und warum Schweizer Design mehr Sichtbarkeit verdient.

©J. Grubenmann
Du kommst ursprünglich aus dem Ingenieurbau. Wann hast du gemerkt, dass Mode dein Weg ist?
Das hatte zwei Seiten. Einerseits war da schon immer das Zeichnen. Ich wollte schon früh Modezeichnerin werden, bin dann aber über das technische Zeichnen in den Ingenieurbau gekommen. Andererseits habe ich mich immer gefragt, wie Kleidung produziert wird und warum vieles so schlecht gemacht ist: mangelnde Qualität, schlechte Passformen, fragwürdige Produktionsbedingungen. Ereignisse wie den Einsturz des Rana-Plaza Textilfabrikkomplexes in Bangladesch und die vielen Dokumentationen dazu haben dieses Hinterfragen noch verstärkt.
Hinzu kam etwas ganz Persönliches: Ich bin gross, und viele Kleider haben mir einfach nie richtig gepasst. Ärmel waren zu kurz, Mäntel sassen falsch, Schnitte funktionierten nicht. Irgendwann dachte ich, dass ich das nicht mehr so hinnehmen möchte. Also habe ich an der Schweizerischen Textilfachschule studiert, parallel in einem Brautmodengeschäft gearbeitet und Änderungen gemacht. Zudem habe ich Kleider für Freundinnen genäht und mir so Schritt für Schritt die Erfahrung aufgebaut.
Ich will Frauen stark zeigen – nicht lieblich, nicht dekorativ.
Wie würdest du deine Arbeit in wenigen Worten beschreiben?
Ich würde sagen: punkiger Purismus. Es ist ein bisschen Revolution drin, aber nicht laut um der Lautstärke willen. Mich beschäftigen gesellschaftspolitische Themen, besonders Frauenrechte. Ich will Frauen stark zeigen – nicht lieblich, nicht dekorativ. Blumenkleider sind nicht meine Welt. Gleichzeitig ist da sicher auch ein architektonischer Einfluss: klare Linien, Reduktion, Struktur. Das ist in mir drin.
Was aus deiner technischen Vergangenheit fliesst heute in deine Designs ein?
Ich glaube nicht, dass ich etwas eins zu eins übertrage. Es ist eher etwas, das in mir verankert ist. Ich denke technisch, ich hinterfrage Konstruktionen und suche andere Wege. Warum muss eine Bluse immer eine klassische Knopfleiste haben? Warum sehen Hosen immer gleich aus? Kleidung soll Platz geben, sie soll Bewegungsfreiheit schaffen und dem Körper dienen – nicht umgekehrt.
Gerade bei Hosen ist mir wichtig, dass sie nicht einengen. Viele Schnitte sind unbequem und geben dem Körper keinen Raum. Ich möchte Problemzonen nicht betonen, sondern mit Schnitt und Silhouette entspannt auflösen. Am Ende soll sich eine Frau stark fühlen – und nicht das Gefühl haben, sie müsse sich verstecken.
©J. Grubenmann
Welche Frau trägt deine Kleidung?
Ich sehe meine Kundinnen sehr divers. Es sind Frauen, die etwas Besonderes suchen, ohne sich verkleidet zu fühlen. Das kann im Beruf funktionieren, aber genauso in der Freizeit. Spannend ist, dass meine Schnitte nicht nur grosse Frauen ansprechen, obwohl ich oft aus dieser Perspektive denke. Auch kleinere Frauen fühlen sich darin wohl. Altersmässig ist die Spannweite ebenfalls breit – von jungen Frauen bis zu Kundinnen, die sehr genau wissen, was sie wollen.
Woher nimmst du deine Inspiration?
Von dem, was um mich herum passiert: aus der Welt, aus der Natur, aus Materialien, aus Spuren. Ein Print kann aus einem Foto entstehen, das ich später digital weiterbearbeite. Manchmal sehe ich etwas am Boden, eine Struktur, eine Farbe, eine Linie – und daraus entwickelt sich etwas. Andere Designer blende ich bewusst aus. Ich möchte etwas Eigenständiges schaffen.
Ich möchte zeigen, dass die textile Produktion in der Schweiz noch existiert.
Wie gehst du an eine neue Kollektion heran?
Ich beginne meistens mit Zeichnungen. Oft entstehen 50 oder 60 Figurinen, Formen und Silhouetten. Daraus kristallisieren sich Elemente heraus, die ich weiterentwickle. Das Moodboard kommt bei mir später – oft erst vor dem Shooting, wenn die Bildwelt konkreter wird. Schwieriger als die Form ist die Materialwahl. Ich teste Stoffe, trage Prototypen selbst und prüfe, ob sie im Alltag funktionieren.
Meine Kollektionen sollen nicht isoliert funktionieren, sondern sich weiterführen lassen. Das hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun. Wenn jemand viel Geld für eine Hose ausgibt, soll sie mehr als eine Saison tragbar sein – und sich mit späteren Teilen kombinieren lassen.
Wie balancierst du Kreativität und Wirtschaftlichkeit?
Das ist eine ständige Abwägung. Ich muss wissen, was funktioniert und was sich verkaufen lässt, sonst kann ich nicht weitermachen. Gleichzeitig braucht es Eyecatcher – Teile, die Aufmerksamkeit erzeugen. Oft ziehen Farben und Prints die Leute an, am Ende kaufen sie dann aber Schwarz oder neutrale Farben. Das kenne ich gut. Eine Kollektion braucht beides: das Besondere und die tragbare Basis.

©J. Grubenmann
Welche Teile funktionieren besonders gut?
Für den Sommer funktionieren Kombinationen aus Top und Hose sehr gut. Das Top darf etwas extravaganter sein, weil man es farblich variieren kann. Wichtig ist für mich der Bruch in der Silhouette: Etwas, das spannend aussieht und gleichzeitig Bereiche kaschiert, in denen sich viele Frauen unsicher fühlen.
Manchmal überraschen mich einzelne Stücke selbst. Es gibt Teile, die ich persönlich vielleicht nicht sofort tragen würde, die aber bei Kundinnen sehr gut ankommen. Und manchmal braucht ein Design Zeit: Plötzlich funktioniert etwas, das vor ein paar Jahren noch nicht verstanden wurde.
Du arbeitest im Sinne von Slow Fashion. Wo entscheidest du dich bewusst gegen den günstigeren Weg?
Natürlich wäre eine Produktion in Fernost günstiger. Aber für mich geht es um Transparenz, Nähe und darum, den Prozess nachvollziehen zu können. Am Anfang hatte ich eine Produktion in Bosnien, die leider während der Corona-Zeit nicht weiterarbeiten konnte. Heute mache ich vieles selbst oder arbeite mit Schweizer Partnern zusammen, wenn es um Serien oder spezielle Bereiche wie Strick geht.
Ich möchte zeigen, dass die textile Produktion in der Schweiz noch existiert. In den letzten zwanzig Jahren ist sehr viel verschwunden. Das hat auch mit unserem Konsumverhalten zu tun: Alles soll immer billiger und schneller verfügbar sein. Aber ein Kleidungsstück, das langlebig ist, kostet im ersten Moment mehr. Dafür wird es länger getragen, es wird mehr Sorge getragen und im besten Fall entsteht eine Beziehung zum Kleidungsstück.
©J. Grubenmann
Ist Nachhaltigkeit für dich noch ein brauchbarer Begriff?
Ich benutze das Wort fast nicht mehr, weil es so überladen ist. Es ist ein unbequemes Thema, ähnlich wie andere Umweltthemen. Viele möchten sich nicht ständig damit auseinandersetzen. Mir ist wichtiger, dass die Haltung spürbar ist: in der Materialwahl, in der Produktion, in der Langlebigkeit und in der Transparenz. Wer nachfragt, soll eine ehrliche Antwort bekommen.
Greenwashing gibt es natürlich viel. Dagegen kann ich wenig tun. Was ich tun kann, ist offenlegen, wie und wo etwas produziert wurde. Dann muss jede Kundin selbst entscheiden, ob ihr das reicht. Nachhaltigkeit ist für mich nicht zwingend gleichbedeutend mit «alles muss in der Schweiz entstehen». Auch anderswo gibt es sinnvolle und faire Strukturen. Entscheidend ist, dass man hinschaut.
Wie organisierst du deine Produktion konkret?
Ich mache viel selbst, vor allem aufwendige Teile wie zum Beispiel Mäntel, bei denen Handarbeit und Präzision entscheidend sind. Wenn ich in eine kleine Serie gehe, arbeite ich mit externen Partnern. Für gewisse Stücke ist das wirtschaftlich sinnvoller, für andere nicht. Jacken oder komplizierte Einzelteile verursachen sehr viel Aufwand. Das muss sich im Preis widerspiegeln, hat aber natürlich Grenzen.
Bei Strick arbeite ich mit Schweizer Partnern zusammen. Das ist spannend, weil man dadurch sieht, wie viel Know-how noch vorhanden ist, aber auch, welche Mindestmengen und Produktionslogiken dahinterstehen. Eine Maschine wird nicht für drei Stück hochgefahren. Man muss verstehen, wie Produktion funktioniert, damit es für beide Seiten aufgeht.
Manchmal muss ich radikal sagen: Dieses Design muss warten, dafür ist gerade kein Platz.
Woran erkennst du einen guten Stoff?
Ein wichtiges Kriterium ist Waschbarkeit. Ich kaufe kleine Mengen, mache Prototypen und trage die Stücke selbst. Erst im Alltag merkt man, ob ein Stoff funktioniert, ob er ausleiert oder sich gut anfühlt. Dazu kommt die Frage, wie und wo er hergestellt wurde. Wenn ich eine Produktion besuchen kann und die Bedingungen nachvollziehbar sind, ist das für mich ein grosser Unterschied.
Gerade bei Textilien geht es um Wasserverbrauch, Chemie und Abwasser. In Europa und der Schweiz gibt es strengere Vorgaben, ein Sozialsystem und gewisse Standards. Das ist nicht perfekt, aber es macht einen Unterschied. Und wenn jemand weiss, woher ein Garn kommt oder wer ein Stück produziert hat, wird es oft mit mehr Stolz getragen.
Wie wichtig sind dir regionale Partner?
Sehr wichtig. Ich möchte wissen, wie jemand arbeitet. Wenn ich spüre, dass da Herzblut und echtes textiles Können dahinter stecken, unterstütze ich das gerne. Manche dieser Betriebe sind selbst Überlebende einer Branche, die stark geschrumpft ist. Das sieht die Kundin vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber es steckt im Produkt.
Wenn Kundinnen erfahren, dass ein Shirt aus einer Schweizer Produktion kommt, reagieren viele positiv. Gleichzeitig muss man bereit sein, den Preis zu bezahlen. Diese Wertschätzung ist nicht selbstverständlich, aber sie ist entscheidend, wenn solche Strukturen weiter bestehen sollen.
Du bist Designerin, Unternehmerin und auch das Gesicht deiner Marke. Welche Rolle fordert dich am meisten?
Das Unternehmertum fordert mich sicher stark. Es sind verschiedene Hüte, die funktionieren müssen: Design, Finanzen, Organisation, Kommunikation. Ich trenne das bewusst. Im Atelier bin ich in der Modewelt, zu Hause mache ich Budget, Online-Banking und die nüchternen Entscheidungen. Manchmal muss ich radikal sagen: Dieses Design muss warten, dafür ist gerade kein Platz.
Auch Markenbotschafterin zu sein, ist herausfordernd. Es bedeutet, Gesicht zu zeigen. Auf Social Media bin ich eher zurückhaltend, weil ich mich dort nicht immer wohl fühle. Mir liegen persönliche Begegnungen mehr: Messen, Gespräche, direkte Kontakte. Das ist für mich authentischer – und vielleicht auch nachhaltiger.
©J. Grubenmann
Welche Rolle magst du am liebsten?
Ganz klar das Design. Aber mittlerweile merke ich auch, dass das Unternehmerische Freude machen kann, wenn man ein Gespür dafür entwickelt. Am Anfang will man vor allem zeigen, was man kann. Später versteht man, dass alles zusammengehört. Ohne unternehmerische Entscheidungen kann das Design nicht überleben.
Wie hast du den Aufbau deiner Marke erlebt?
Die ersten Jahre waren sehr hart. Ich habe 2016 langsam begonnen, mit Änderungen, Einzelstücken und dem Aufbau der Marke. Richtig unterwegs bin ich seit etwa sechs, sieben Jahren. Dann kam Corona und es brauchte nochmals einen Neustart. Dazu kommt: Ich habe zwei Kinder. Das prägt den Rhythmus und die Möglichkeiten. Man will schneller wachsen, aber manchmal geht es einfach nicht.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich mache nicht gerne konkrete Zukunftspläne. Aber ich wünsche mir mehr Sichtbarkeit – nicht nur für meine Marke, sondern für Schweizer Design insgesamt. Es geht nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu sagen, was richtig ist. Viel spannender ist es, auf elegante Weise zu zeigen, was hier entsteht.
Schweizer Mode muss nicht laut sein, um relevant zu sein.
Was macht Schweizer Design für dich aus?
Ich glaube, viele Schweizer Designer*innen sind enorm engagiert. Gleichzeitig ist das Überleben schwierig. Es gibt viele Schulen und viele Talente, aber danach wird es hart. Jobs sind rar, und viele rutschen fast gezwungenermassen in die Selbstständigkeit. Ich glaube, es bräuchte mehr Zusammenarbeit.
Kooperationen können auf verschiedenen Ebenen stattfinden: Kommunikation, Sourcing, gemeinsame Sichtbarkeit. Wichtig ist, dass sie auf Augenhöhe passieren und für beide Seiten Sinn ergeben. Da liegt noch viel Potenzial, das meiner Meinung nach nicht ausgeschöpft ist.
Welche Chancen siehst du für Schweizer Labels?
Eine grosse Chance liegt in der Langlebigkeit von Design. Schweizer Mode muss nicht laut sein, um relevant zu sein. Sie kann über Qualität, Klarheit und Beständigkeit überzeugen. Gleichzeitig braucht es mehr Mut – von Designer*innen, aber auch von Boutiquen und der Kundschaft.
Was fehlt der Schweizer Modeszene noch?
Mehr Sichtbarkeit und mehr Stolz auf das, was hier entsteht. Viele Boutiquen kaufen selbstverständlich in Paris ein, aber Schweizer Labels werden oft weniger selbstverständlich mitgedacht. Dabei gibt es hier viel interessantes Design. Es ist nur manchmal noch zu sehr im Hintergrund.
Vielleicht hängt das auch mit dem Bild der Schweiz zusammen: Heidi, Berge, Taschenmesser – solche Klischees sind präsent. Design ist weniger sichtbar, obwohl es stark ist. Ich wünsche mir, dass wir das eleganter und selbstbewusster vermitteln.
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