Designer Spotlight: LIVIA NAEF

Während Corona hat Livia Naef ihr gleichnamiges Label ins Leben gerufen. Wie sie zum Modedesign gekommen ist, wie ihre Vision Realität wurde und mit welchen Materialien und Mengen sie arbeitet, erläutert sie im Gespräch mit the edit. Ihre Freude am Design, ihre Prinzipien und die Liebe zu ihrem Beruf sind beeindruckend.
Der Wunsch, meine eigenen Kleider zu kreieren, war immer präsent.
Liebe Livia, wie bist du zum Modedesign gekommen?
Ich habe mich schon als Kind ständig umgezogen und früh gemerkt, dass ich eine Affinität zu Kleidung habe. Es war mir wichtig, dass ich mich in meinen Kleidern wohl fühlte. Meine Grossmutter hat viel genäht, das hat mich fasziniert. So entstand der Wunsch, meine eigenen Kleider zu machen.
Trotzdem habe ich mich aus verschiedenen Gründen gegen eine Schneiderlehre entschieden und die KV-Lehre absolviert. Ich arbeitete dann im Bereich Kommunikation und Marketing und machte die Weiterbildung zur PR-Fachfrau. Doch der Wunsch, meine eigenen Kleider zu kreieren, war immer präsent. Ich hatte eine klare Vorstellung von Kleidern im minimalistischen Stil, dazu nachhaltig hergestellt.
Die Wende kam dann kurz vor meinem 30. Geburtstag, als ich in Buenos Aires war. Dort fühlte ich mich vom Handwerk und der Kreativität der Menschen sehr inspiriert und ich kam mit dem Gefühl nach Hause, dass das Unmögliche möglich schien. Also beschloss ich meinem langersehnten Wunsch nachzugehen und das Schneiderhandwerk zu lernen.
Ich fand die Schweizerische Textilfachschule (STF), die mir die Werkzeuge gab, um meine Ideen umzusetzen. Die Ausbildung zur Fashion Assistentin war ein wichtiger Start. Danach absolvierte ich die Ausbildung zur Fashion Designerin.
Rückblickend war mein gesamter beruflicher Weg hilfreich für die Selbstständigkeit: Heute mache ich alles selbst: von Buchhaltung, Verkauf, Grafik, PR und Marketing bis zum Erstellen des Onlineshops. Dass ich den Schritt in die Selbständigkeit tatsächlich gewagt habe, überrascht mich jedoch immer noch. Es hat viel Mut gebraucht.

©LIVIA NAEF
Gutes Schlagwort: Wie gehst du mit kreativen Blockaden oder mit Selbstzweifeln um?
Kreative Blockaden habe ich zum Glück nicht – eher zu viele Ideen (lacht). Ich setze mich nicht unter Druck und arbeite nicht nach einem strikten Kollektionstakt. Ich habe eine ständige, saisonunabhängige Kollektion, die ich laufend mit zeitlosen Teilen ergänze. Ich mache das, worauf ich Lust habe und was sich stimmig ins Bestehende einfügt.
Am Anfang hatte ich Selbstzweifel, klar. Aber mittlerweile haben sich diese mit zunehmender Erfahrung reduziert. Selbständigkeit ist für mich eine riesige Lebensschule, man weiss nie, was im nächsten Moment passiert. Dieses Risiko bleibt, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und darauf zu vertrauen, dass sich die Dinge fügen.
Die grosse Wertschätzung der Kundinnen gibt mir sehr viel Motivation und Kraft weiterzumachen. Ich bin sehr dankbar, dass ich das machen darf, was ich gerne mache und diesen Schritt gewagt habe. Es war die beste Entscheidung für mich.
Bei mir im Atelier findest du keine Moodboards und umfassende Skizzen. Die Kleider sind in meinem Kopf.
Wie würdest du den Stil von LIVIA NAEF in drei Worten beschreiben?
Nachhaltig. Zeitlos. Reduziert.
Woher nimmst du deine Inspiration?
Mir gefällt das Ruhige, Reduzierte, Unaufdringliche und Natürliche. Es berührt mich. Oftmals ist es still aber hat eine grosse Wirkung. Ich bin gerne in der Natur. Bei mir im Atelier findest du keine Moodboards und umfassende Skizzen. Die Kleider sind in meinem Kopf. Gerade bei bestehenden Stoffen, entstehen die Ideen mit dem Material. Je nach Stoff ergibt sich intuitiv ein Kleidungsstück. Gewisse Kleidungsstücke konnte ich erst nach Jahren umsetzen, als ich den richtigen Stoff gefunden habe. Nachhaltige Materialien in kleinen Mengen zu finden ist schwierig. Viele Stoffe haben mich gefunden.
©Studio Lafya
Wie würdest du die typische Frau beschreiben, die bei LIVIA NAEF einkauft?
Ich habe sehr unterschiedliche Kundinnen: Das ist das, was mich auch immer wieder fasziniert und mir so Freude macht. Die jüngste Kundin ist 25 Jahre alt, die älteste über 90. Die minimalistischen und zeitlosen Kleider passen sich verschiedenen Stilen an und lassen sich vielfältig kombinieren. Es sind langlebige Begleiter. Meine Schnitte passen sich verschiedenen Grössen an. Da ich fast nur noch auf Bestellung produziere, kann ich auf Kundenwünsche eingehen und individuelle Änderungen vornehmen.
Die Kleider können für unterschiedliche Anlässe getragen werden, sei es für Feste, ins Konzert, zur Arbeit oder im Alltag. Man ist immer stilvoll und passend angezogen. Es sind bewusste Frauen, die sich etwas Schönes und Hochwertiges gönnen. Frauen, die auf Qualität, nachhaltige und faire Produktion achten. Es sind sehr wertschätzende Frauen, was ich wiederum schätze.
Es ist super, dass du nicht überproduziert, sondern auf Bestellung.
Ja, das ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt in Sachen Nachhaltigkeit. Nur das zu produzieren, was ich verkaufe. Oftmals wird in der Modebranche überproduziert – was passiert dann mit den bestehenden Kleidern, die nicht verkauft werden?
©Studio Lafya
Wie lange dauert es vom Zeitpunkt der Bestellung bis hin zur Anfertigung?
Drei bis vier Wochen. Je nachdem, wie viel die Produktion zu tun hat. Manchmal geht es auch schneller.
Du produzierst im Tessin bei Punto 301. Wie bist du auf die Produktion gekommen?
In der Schweiz gibt es leider nicht mehr viele Produktionsbetriebe. Punto 301 ist einer davon – geführt von drei jungen und sehr engagierten Frauen. Ich finde es grossartig, dass sie in Mendrisio eine bestehende Produktion übernommen haben und sie mit viel Herzblut weiterführen – nicht einfach in der heutigen Zeit. Dank ihnen kann ich in kleinen Mengen produzieren. Ich schätze ihre Flexibilität und hoffe, dass sie noch lange für mich und andere Schweizer Labels produzieren.
Pures Glück, dass die Stoffe den Weg zu mir gefunden haben. Solche Dinge berühren und motivieren mich.
Wie wählst du deine Materialien aus?
Ursprünglich wollte ich nur mit bereits bestehenden Materialien arbeiten, um keine neuen Ressourcen zu brauchen. Ich merkte schnell, dass ich grossflächige Stoffe brauche und an diese zu kommen ist schwierig. Also suchte ich nach nachhaltigen Alternativen. Ich fand Leinen, Hanf, Bio-Baumwolle, Bio-Wolle und Tencel – alles natürliche Fasern, die biologisch abbaubar sind.
Und dass ich schlussendlich doch noch an grossflächige, bestehende Materialien gekommen bin, war reines Glück. Eine ehemalige Mitstudentin hat mir altes, teilweise über 100-jähriges Leinen zukommen lassen. Diese Stoffe habe ich selber mit Foodwaste gefärbt. 100% Swiss made.
Zudem bin ich auf Seide gestossen, welche Anfang der 90er Jahre in der Schweiz hergestellt wurde. Es sind Stoffe mit wunderschönen Strukturen – Materialien, die so nicht mehr in der Schweiz hergestellt werden. Pures Glück für mich, dass die Stoffe den Weg zu mir gefunden haben. Solche Dinge berühren und motivieren mich.
Der Prozess vom natürlichen Färben ist sehr aufwändig: von der Beschaffung des Foodwastes, waschen des Stoffes, der Vorbehandlung des Leinens bis zum Färben steckt unglaublich viel Handarbeit dahinter. Ich geniesse diesen Prozess jedes Mal aufs Neue. Daraus entstehen einzigartige Unikate. Es sind meine Lieblingsstücke, weil ich einen emotionalen Bezug zu diesen Kleidungsstücken habe. Ich liebe diese hochwertigen Stoffe – jedes Stück hat seine eigene Geschichte. Mit bestehenden Materialien zu produzieren, ist für mich total sinnvoll.
©Herbert Zimmermann
Wie machst du es heute mit dem Färben?
Weil es so aufwändig ist und viel Zeit braucht, kann ich nur selten färben. Umso schöner ist es, dass es in der Zwischenzeit einen Schweizer Anbieter gibt, der eine kleine Palette an industriell natürlich gefärbten Stoffen am Laufmeter anbietet, Lilablum aus Winterthur.
Welche Wünsche hast du in Bezug auf Mode?
Ich wünsche mir, dass Kleider wieder mehr Wertschätzung erhalten. Wertschätzung für die Menschen, die sie herstellen, aber auch ein Bewusstsein für die Ressourcen, die wir für die Produktion von Kleidern benötigen.
Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten überhaupt. Die tiefen Preise der Fast Fashion sind nur möglich, weil in (zu) grossen Mengen Kleider produziert werden (die teilweise ungetragen im Abfall landen), zu menschenunwürdigen Bedingungen.
Der hohe Ressourcenverbrauch bezahlt auch unser Planet und letztlich wir alle. Die Industrie muss Verantwortung übernehmen, aber darüber hinaus sollte jeder einzelne Konsument Verantwortung für sein eigenes Handeln tragen.
Ich möchte meinen Werten treu bleiben und das machen, was mich glücklich macht.
Hast du für die Zukunft von LIVIA NAEF bestimmte Pläne?
Ich möchte weiterhin eigenständige und sinnvolle Kleider kreieren. Kleider, die im Alltag unterstützen und viel Freude bereiten. Kleider, in denen man sich wohlfühlt. Und für mich möchte ich immer wieder Raum für Experimente und Kreativität schaffen. Ich möchte meinen Werten treu bleiben und das machen, was mich glücklich macht. Wenn ich davon leben kann, bin ich wunschlos glücklich.
Es ist deutlich erkennbar, dass du deinem Herzen folgst. Das ist sehr schön.
Ja. Ich habe jetzt meinen Showroom in Luzern, meine Kleider, meine wertschätzenden Kundinnen. Das macht mir Freude und ist das, was ich momentan im Leben möchte. Mein Traum wurde Wirklichkeit.
©Studio Lafya
Hier findest du LIVIA NAEF's Designs: Webseite | Instagram
Fotos: Sophia Lavater, Studio Lafya | Herbert Zimmermann
Model: Georgia Ramsey Rösner
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