Designer Spotlight: Barbara Tschanen von 0714

Im Interview mit the edit. erzählt Barbara wie alles mit einer Sattlerei begann, wie ein Markenverkauf zum Wendepunkt wurde und wie strukturiert der Designprozess bei ihr abläuft. Dabei sind sowohl ihr Expertenwissen über Leder als auch ihr feines Gespür für die bewusste Auswahl von Partnern aufgefallen, die in langjährigen Beziehungen münden.
Für mich ist diese Geschichte vor allem eins: ein Beweis für Unternehmergeist.
Die Geschichte von 0714 reicht weit zurück: zur Sattlerei deines Urgrossvaters. Wie haben sich die Anfänge bis hin zur Lederwarenfabrik deiner Familie entwickelt?
Das Lederwarenhandwerk ist bei uns tatsächlich Familiensache. Mein Urgrossvater und mein Grossvater führten eine Sattlerei – ein Handwerk, das von Anfang an für Robustheit, Präzision und Alltagstauglichkeit stand.
Als sich die Welt veränderte, hat sich auch das Unternehmen verändert: Aus der Sattlerei entwickelte sich Schritt für Schritt eine Lederwarenproduktion. Schul- und Felltornister wurden zu prägenden Produkten, für die mein Grossvater und mein Vater schweizweit bekannt waren.
Für mich ist diese Geschichte vor allem eins: ein Beweis für Unternehmergeist. Nicht festhalten, sondern weiterdenken – und den Mut haben, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne die eigenen Werte zu verlieren.
Als Kind war die Werkstatt für mich ein Paradies, später bin ich selbst ins Unternehmen eingestiegen – zuerst in der Produktion, dann dort, wo ich am stärksten bin: beim Gestalten.

©0714
Die Tasche Ginette sticht heraus. Ist sie eine Hommage an die Firmengeschichte?
Ja. Als unsere Vorfahren von der Sattlerei auf Lederwaren umgestiegen sind, waren die Fell- und Schultornister eines der ersten prägenden Produkte. Dieses Materialverständnis und die Wertschätzung für robuste, langlebige Materialien begleiten uns bis heute.
Mit der Kollektion Ginette übersetzen wir dieses Erbe in die Gegenwart: Jedes Stück ist ein Unikat, weil jedes Fell seine eigene Struktur und Geschichte trägt. Es geht nicht um Effekte oder Trends, sondern um Materialehrlichkeit, handwerkliche Qualität und Produkte, die man bewusst und über viele Jahre trägt. Langlebigkeit ist für mich die ehrlichste Form von Nachhaltigkeit.
0714 in drei Worten: Handwerkskunst. Zeitlosigkeit. Bewusstheit.
Und wie ist dann schlussendlich das Label 0714 entstanden?
Als ich die Lederwarenfabrik meines Vaters übernommen hatte, hatte ich das Glück Herrn Bencivenga von Navyboot kennenzulernen, mit dem ich einen Lizenzvertrag abschliessen konnte. 12 Jahre lang habe ich für ihn Damenlederwaren entwickelt: vom Design bis hin zur Produktion und Vertrieb.
Der Wendepunkt kam im Jahr 2009, als Herr Bencivenga entschieden hatte, seine Marke weiter zu verkaufen. Da wurde klar: Das neue Konstrukt passt für mich nicht mehr. Das war ein Bauchentscheid. Innerhalb eines halben Jahres mussten ein neuer Name, neue Marke, Produktionspartner und Vertriebswege stehen. Glücklicherweise konnte ich an den gleichen Fertigungsstätten weiterarbeiten. So ist 0714 entstanden – ein wenig geschubst, aber mit ganz viel Passion.
Drei Schlagworte, mit denen du 0714 beschreiben würdest?
Handwerkskunst. Zeitlosigkeit. Bewusstheit.
Bewusst im Umgang mit Materialien, mit dem Handwerk und mit den Menschen, mit denen wir arbeiten – von der Fertigung bis zum Vertrieb. Nichts passiert zufällig.

©0714
Du hast die Produktion angesprochen. Wie hast du deine Produzenten in Italien gefunden und wie arbeitet ihr zusammen?
Mein erster Partner in Italien ergab sich über eine frühere Zusammenarbeit – daraus entwickelte sich über die Jahre eine enge, vertrauensvolle Partnerschaft. Solche Beziehungen wachsen nicht über Nacht, sondern über gemeinsame Erfahrungen, gegenseitigen Respekt und ein gemeinsames Qualitätsverständnis.
Ich habe früh begonnen, weitere Partner aufzubauen, um unterschiedliche Fertigungsanforderungen abdecken zu können. Dieses «Eingespieltsein» zeigt sich im Detail – in der Sorgfalt, im handwerklichen Anspruch und in der gemeinsamen Haltung zu Qualität. Heute arbeiten wir mit spezialisierten Partnern, die jeweils ihre Stärken einbringen.
Wie startest du den Designprozess? Mit Skizze, Modell oder Material?
Der Designprozess ist unterschiedlich, manchmal beginnt er mit einer Skizze, oft aber mit dem Material. Nicht jedes Leder eignet sich für jede Form, deshalb spielen Haptik und Qualität von Anfang an eine zentrale Rolle. Unser Vorlauf beträgt rund 12 bis 18 Monate.
Internationale Messen und Trendanalysen helfen mir, frühzeitig Entwicklungen bei Farben und Oberflächen wahrzunehmen. Entscheidend ist die Übersetzung: Wir greifen aktuelle Impulse auf, interpretieren sie eigenständig und setzen gezielt Akzente. Unsere Designs haben Charakter und Aktualität, ohne kurzlebig zu sein. Handwerk und Langlebigkeit geben dabei den Rahmen vor.

©0714
Worauf achtest du bei den Materialien?
Mir sind transparente Richtlinien und überwiegend italienisches Leder wichtig. Teilweise kommt Rohware aus Frankreich oder Argentinien, verarbeitet wird aber in Italien.
Hochwertigkeit ist ein weiterer Aspekt. Wir arbeiten primär mit Vollleder – das ist die oberste Hautschicht aus bester Qualität und länger haltbar. Für unsere Taschen ist Langlebigkeit wesentlich. Das ist mein Verständnis von Nachhaltigkeit.
Wie wählst du Farben und Qualitäten aus?
Auf internationalen Materialmessen wählen wir die passenden Gerbereien und Farbnuancen aus. Wichtig sind Haptik, Qualität, Preis – und ob die Farben zur Kollektion passen. Zurück in Frauenfeld beginnt der Entwicklungsprozess: Klassiker erhalten neue Farben, neue Modelle werden präzise auf das jeweilige Material abgestimmt.
0714 soll ruhig, glaubwürdig und langfristig wachsen – mit Tiefe statt mit Geschwindigkeit.
Über welche Kanäle vertreibst du 0714?
0714 ist über unseren eigenen Onlineshop, im BAG STORE Frauenfeld sowie über einen ausgewählten Fachhandel erhältlich. Wir wählen unsere Partner sehr bewusst und setzen auf langfristige Beziehungen.
Wichtig ist, dass unsere Händler die Werte der Marke verstehen und die Produkte mit derselben Sorgfalt und Begeisterung vermitteln, mit der sie entstehen. Qualität, Beratung und Authentizität stehen für uns im Vordergrund, nicht maximale Präsenz.
Was sind deine Zukunftspläne?
Kein Wachstum um jeden Preis. Unsere Kleinserien, die richtigen Partner und eine klare Markenidentität stehen im Vordergrund. Wir möchten die Substanz der Marke weiter stärken, das Handwerk, die Menschen und die Haltung dahinter sichtbar machen. 0714 soll ruhig, glaubwürdig und langfristig wachsen – mit Tiefe statt mit Geschwindigkeit.

©0714
Was fordert dich als Gründerin und Inhaberin am meisten?
Anspruchsvoll ist die Zeit: Die Entwicklung des Produkts läuft 12 bis 18 Monate, parallel zum Tagesgeschäft. Weiter die Mitarbeiterführung: Menschen an die richtigen Orte bringen, aufmerksam sein, meine Mitarbeitenden fördern, aber auch Probleme aus dem Weg räumen. Wir sind sechs Leute im Team, teils Teilzeit, dazu der Ladenbetrieb, die Reparaturen, ein Online-Shop. Das ist sehr vielseitig. Mein Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen, weiterentwickeln und mit Freude arbeiten können.
Nutzt du Analytics aus dem physischen und dem Online-Shop?
Klar schaue ich, was sich verkauft, oft deckt sich das mit meinem Bauchgefühl. Wir diskutieren viel im Team, holen Rückmeldungen vom Fachhandel und beobachten Menschen im Alltag: Grössen, Trageweisen, Bedürfnisse, Gestik und Kommunikation. Das alles fliesst in die Kollektion ein. Mein Team ist quasi mein Datentransport.
Wir Schweizer Labels haben viel zu zeigen.
Gab es Rückschläge seit der Gründung im Jahr 2009? Wie bist du damit umgegangen?
Klar. Wenn wichtige, verlässliche Partner wegfallen, musst du dich neu organisieren. Solche Ereignisse analysiere ich sauber, woraus Widerstandskraft und neue Ideen wachsen. Corona war kein Bombenjahr, aber wir waren finanziell gesund, hatten den Online-Shop und treue Partner. Schwieriger finde ich Einkäuferwechsel in grossen Häusern, langjährige Beziehungen können so abrupt enden.

©0714
Wie siehst du die Schweizer Modenszene?
Klein und fein, mit vielen spannenden Geschichten und tollen Menschen. Ich wünsche mir, dass wir Schweizer Labels sichtbarer werden und uns mehr trauen, statt uns hinter den grossen Marken zu verstecken – das gilt in der Mode, für Schuhe, das Handwerk, aber auch für Möbel. Wir haben viel zu zeigen!
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