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Designer Interview

Designer Spotlight: Adam Brody

aktualisiert am 29.9.2026
Designer Spotlight: Adam Brody
«I’m growing young»: Nach mehr als drei Jahrzehnten in der Schweizer Modebranche ist Adam Brody so neugierig wie eh und je. Sein neuer Store an der Dufourstrasse in Zürich markiert ein neues Kapitel: Die DNA bleibt, die Handschrift wird raffinierter – und die Lust auf das, was kommt, ist grösser denn je.

Adam Brody spricht schnell, denkt noch schneller und wechselt mühelos zwischen Deutsch und Englisch. Vor allem aber spricht er mit einer ansteckenden Begeisterung über Mode, Menschen und das, was noch kommen könnte. Sein neuer Zürcher Store ist deshalb weit mehr als eine Verkaufsfläche: Atelier, Showroom und Begegnungsort zugleich. Hier trifft jahrzehntelanges Know-how auf Experimentierfreude, avantgardistisches Design auf Alltagstauglichkeit. Im Gespräch mit the edit. erzählt Brody, warum er während Covid die Zukunft erfand, weshalb seine Kundin immer das letzte Wort hat und warum Diversity für ihn kein Trend, sondern schlicht Realität ist.

Die DNA ist dieselbe geblieben, doch die Handschrift ist raffinierter geworden, das Bild klarer.

Adam, du bist seit mehr als drei Jahrzehnten in der Schweizer Modebranche tätig und hast nun einen neuen Flagship-Store in Zürich eröffnet. Warum war jetzt der richtige Moment dafür?

Während Covid und der Lockdowns haben wir sehr frei, klug und experimentell gedacht. Wir versuchten, diese neue Welt zu verstehen und Lösungen für die Zukunft zu finden. Als danach alle in die Normalität zurückwollten, haben auch wir wieder wie früher gearbeitet. Irgendwann merkte ich: It's not working. Es war, als hätte jemand eine Glocke geläutet und gesagt: «Hey Adam, you are such a smart ass, you had such great ideas and you went and invented the future. The moment the window was closed, you just keep on doing the past.»

Ich hatte zunehmend das Gefühl, nur noch für die Vermieter zu arbeiten. Und ich mochte sie nicht besonders. Und ich dachte: «Normally when you work for someone you don't like, you resign. So I resigned.» Danach folgten viele Pop-ups – länger und mehr, als wir erwartet hatten. Nun haben wir endlich das Richtige am richtigen Ort, zum richtigen Preis und mit einer passenden Plattform gefunden.

Gleichzeitig hat sich die Marke weiterentwickelt. Die DNA ist dieselbe geblieben, doch die Handschrift ist raffinierter geworden, das Bild klarer. Aber es ist der gleiche Adam Brody. Ich habe gewissermassen eine Jugendquelle gefunden: I'm growing young. Und das ist ziemlich cool – noch vor meinem 60. Geburtstag wieder jünger zu werden.

Deine DNA ist also unverändert. An welchen Stellschrauben hast du dennoch gedreht?

Die Qualität der Grundhandschrift und das Know-how für Schnittmuster in grösseren Grössen bleiben zentral. Gleichzeitig gibt es etwas weniger Basics und mehr Forschung: neue Materialien, neue Lösungen, neue Entwicklungen. Emotion ist Emotion. Eine Kollektion trägt bei mir etwa den Titel «Luft und Liebe» – kein konkretes Thema. Mich interessieren Emotionen, Erinnerungen und Ideen. Diese übersetze ich in Materialien und Formen, die sehr alltäglich, realistisch und im hier und jetzt sind.

Ein Kleidungsstück muss mehr leisten, als die Haut zu bedecken. Es soll Energie geben, einen Bedarf decken und den Alltag mitmachen, selbst wenn es abends auf dem Boden neben dem Bett landet und am nächsten Morgen wieder getragen wird.

Designer Spotlight: Adam Brody

©Adam Brody

Wie würdest du deine Kundin beschreiben?

«She's the woman you love.» Es sind Frauen mit einem vollen Leben und die ständig im Tun sind. Sie wissen, was sie brauchen und was sie wollen. Sie sind realistisch, offen für Neues und zugleich sehr sinnlich und gefühlvoll.

Dein neuer Ort verbindet Atelier, Showroom und Store. Weshalb ist diese Nähe zur Kundschaft so wichtig?

Es ergibt enorm viel Sinn, Schnitt, Anprobe, Verkauf und Kundschaft an einem Ort zusammenzubringen. Das ist Oldschool im besten Sinn: Quality first. Dabei geht es um Produktqualität, aber ebenso um die Beziehung zur Kundschaft und darum, was wir ihr anbieten. Fast noch stärker als Qualität ist, die Ehrlichkeit dabei.

Diese Unmittelbarkeit ist unsere grosse Stärke gegenüber Online-Shopping und AI. Wir sind der Gegenpol: auf der Strasse, begehbar, klar, unmittelbar. Sehr ehrlich und authentisch. Hier zeigt sich, wie ein Stoff tatsächlich fällt, wie er geschnitten wird und wie ein Kleidungsstück am Körper wirkt – authentisch, ungefiltert und ohne einer unerreichbaren Vorstellung hinterherzujagen.

Designer Spotlight: Adam Brody

©Adam Brody

Du sprichst von Kleidern als «Wearable Batteries». Wie gelingt dir die Balance zwischen avantgardistischem Schnitt und Alltagstauglichkeit?

Ganz einfach, für mich ist genau das Design: neue Stoffe, neue Formen und neue visuelle Reize zu entwickeln – und parallel immer zu fragen, wie sich der Körper darin fühlt und bewegt. Kann man darin sitzen, den ganzen Tag am Computer arbeiten, das Tram erreichen oder Kinder tragen? Fühlt man sich darin im Alltag gut aufgehoben und zugleich auch innerlich geliebt? Kommt darin das Schöne, das Kraftvolle zum Vorschein?

Dahinter stehen Stoff, Verarbeitung, Schönheit und Farbe, aber ebenso Schnittmuster, Know-how über Körperformen und Bewegungsfreiheit. Es ist eine Beziehung: respektvoll, praktisch und natürlich.

Es geht darum, so zu designen, dass Vielfalt ganz selbstverständlich Platz findet.

Welche Rolle spielen neue Materialien in der aktuellen Kollektion?

In der Kollektion gibt es zwei Pole. Einerseits haben wir eine Blusen-Capsule aus einer konstanten Qualität: ein Stoff, vier Farben, mehrere Modelle. Die Herausforderung besteht darin, auch in der dritten oder vierten Saison etwas Neues aus demselben Material zu entwickeln. Gleichzeitig ist diese Kontinuität sehr beruhigend und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Man kennt die Qualität, weiss, wie sie sich trägt, und findet darin einen «safe haven».

Für die nächste Saison kommt eine Capsule aus farbigem Taft hinzu. Diese klaren, konzentrierten Linien gehen auch in den Grosshandel. Daneben gibt es das wilde Sammelsurium der Kollektion: «The Excitement» oder «The What Else».

In deiner Arbeit ist Grössenvielfalt seit Langem zentral. Was bedeutet gelebte Diversity für dich?

Als ich meine eigene Kollektion startete und mich bewusst mit Plus-Size auseinandersetzte, hiess es ständig: «Plus-Size kann niemals Stil haben.» Heute kann ich sagen: Ich musste niemandem beweisen, dass sie falschliegen und dass es möglich ist. Ich musste es einfach auf den Markt bringen. Und genau das mache ich bis heute.

Bei unserer letzten Mode Suisse standen junge und ältere, grosse und kleine, unterschiedlichste Menschen im Line-up. Ich sah dieses Bild und dachte: «Habe ich das wirklich geschafft? Habe ich das tatsächlich geschaffen?» Wir hatten nicht für einzelne Models design, die Kollektion war schon da. Und sie funktionierte für all diese unterschiedlichen Körper und Persönlichkeiten. Genau das war der Moment, in dem ich verstanden habe: Es geht nicht darum, für Vielfalt zu designen. Es geht darum, so zu designen, dass Vielfalt ganz selbstverständlich Platz findet.

Es gilt: weniger reden, mehr machen. Wenn ihr sagt, ihr liebt alle, dann liebt auch wirklich alle. Und fangt nicht erst dann an, alle zu lieben, solange sie gross, blond, jung und Grösse 36 tragen.

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©Adam Brody

Hat sich der Markt tatsächlich geöffnet – oder bewegt er sich mit dem aktuellen Skinny-Trend wieder in die Gegenrichtung?

In den vergangenen Jahren haben wir zusätzlich kleinere Grössen eingeführt, weil Kundinnen zu uns sagten: «Okay, aber ich trage Grösse 38 – ignoriert ihr mich jetzt?» Vielfalt bedeutet eben alle. Eine kleinere Person gehört genauso dazu wie eine grössere. Niemand sollte aufgrund seiner Konfektionsgrösse in eine bestimmte Schublade gesteckt werden.

Gleichzeitig ist echte Vielfalt wunderschön und sehr arbeitsintensiv. Man braucht Lagerbestand, Gradierungen und viele Varianten. Nach Covid ist das Kaufverhalten insgesamt zurückgegangen, besonders im Plus-Size-Bereich. Gesellschaftlich sprechen wir viel über Akzeptanz, sind aber noch immer hart in unseren Urteilen. Deshalb soll unser Store ein Safe Space sein, ein Ort, an dem Menschen sich gesehen und wohlfühlen.

Du arbeitest mit körperspezifischer Skalierung, statt einen Schnitt einfach proportional zu vergrössern. Wie funktioniert das?

Körper werden nicht proportional grösser. Arme oder Oberschenkel können stärker zunehmen, die Balance des Körpers verändert sich. Ein Schnitt lässt sich nicht wie mit einem Fotokopierer verbreitern. Alte Gradierungssysteme verlängern beim Vergrössern oft automatisch mit – als müsste eine Frau in Grösse 52 zwingend grösser sein als eine Frau in Grösse 36. So funktioniert die Realität nicht.

Darum entwickeln wir Varianten für unterschiedliche Mass-Tabellen und Körperformen. A- und O-Formen, Birne und Apfel: Diese Unterschiede werden mit zunehmender Grösse noch relevanter. Eine Jacke für eine kleinere Frau ist nicht einfach gekürzt, sondern von Anfang an für ihre Proportionen durchdacht.

Designer Spotlight: Adam Brody

©Adam Brody

Woran erkennst du, dass ein Kleidungsstück fertig ist und in den Laden kann?

Irgendwann ergibt es Sinn, ist technisch gelöst und erfüllt möglichst viele Bedürfnisse der Kundin. Wenn sie dann sagt: «Ja, das will ich», kann es zu ihrem Stück werden. Wenn es gut sitzt, tragbar, kombinierbar und praktisch ist, stimmt die Basis. Und dann beginnt die eigentliche Love Affair. Dann setzt die Kinomusik ein.

Hat dich das Feedback einer Kundin schon einmal dazu gebracht, deine eigene Einschätzung eines Entwurfs zu revidieren?

Ja. Wir hatten Stücke, mit denen wir selbst nicht ganz zufrieden waren. Die eine Kundin hingegen probierte sie an und sagte, sie seien perfekt. Es ist ein Dialog, und die Kundin hat das letzte Wort. Eine Kollektion ist kein anonymer Drop. Die Kundinnen sollen damit leben können, sich darin erkennen und wohlfühlen. Das ist das Ziel.

Wir müssen hier nicht erst nach Langlebigkeit suchen – wir sind längst dort.

Du kennst die Lebensrealität deiner Kundinnen sehr genau. Woher kommt dieses Verständnis?

Ich hatte sehr, sehr, sehr viel Glück. Und das Schönste daran ist, dass meine Kundinnen dieses Glück mit mir teilen können. Es klingt vielleicht etwas fancy, von einer «Kollektion der Liebe» zu sprechen, aber ich habe diese Kollektion wegen meiner Frau begonnen – und wegen allen anderen Frauen weitergeführt.

Ich denke an sie, fühle mit ihnen und versuche, mit ihnen zu denken. Es ist ein Dialog, eine Zusammenarbeit. Ich muss nicht denselben Körper haben wie meine Kundinnen, um zu verstehen, was sie brauchen, wie sie sich bewegen und was sie sich von einem Kleidungsstück wünschen. Es geht um Verständnis, Wissen, Know-how und Vision. Ja, ich bin ein Mann und entwerfe Frauenkleider. Und nein, ich kann sie nicht selbst anprobieren. Aber darum geht es auch nicht.

Welche drei Wörter beschreiben Adam Brody am besten?

Simple, sensual, and sensible.

Designer Spotlight: Adam Brody

©Adam Brody

Was können Kundinnen im neuen Zürcher Store entdecken, das sie von Adam Brody noch nicht kennen?

Sie können die Wahrheit erwarten. Durch den neuen Space können wir mehr zeigen: eine wunderbare Kollektion aus Blusen und Cardigans, die man über Jahre tragen kann, aber auch Neuheiten wie 3D-Prints – kleine Dinge, die für Spannung sorgen. Es gibt bereits bestehende Stücke zu entdecken und gleichzeitig einen ersten Blick auf Dinge, die noch im Entstehen sind.

Was all diese Dinge verbindet, ist Zeitlosigkeit. Die Formen können revolutionär sein und trotzdem unglaublich tragbar bleiben. Es gibt Stücke, die überraschen und aufregend sind – und gleichzeitig solche, die man immer wieder trägt und die dabei nichts von ihrer Faszination verlieren. Genau diese Verbindung ist es, die für mich den Weg ausmacht, den ich gehen möchte.

Ich bin glücklich, diesen Weg gehen, ihn anbieten und kommunizieren zu können sowie andere daran teilhaben zu lassen. Vielleicht ist es gerade diese Haltung, die auch den neuen Space prägt: Er ist vor allem sehr ehrlich. Und das ist in der Fashion fast schon ungewöhnlich, denn Ehrlichkeit gehört nicht unbedingt zu ihrer klassischen Definition.

Wann funktioniert Mode für dich?

Wenn Aussenhülle und Inneres im Gleichgewicht sind. Beides entwickelt sich immer weiter. Wir wollen frisch, relevant und neugierig bleiben – und gegen die Zeit arbeiten.

Designer Spotlight: Adam Brody

©Adam Brody

Wie nimmst du die Entwicklung der Schweizer Modeszene wahr?

Ich finde die Schweiz sehr spannend: diese Verbindung aus Stabilität, Qualität und einer gewissen Langsamkeit, die Raum für nachhaltige Entwicklung schafft. Wir müssen hier nicht erst nach Langlebigkeit suchen – wir sind längst dort. Es gibt interessante Designer und eine Kundschaft, die offen für neue Ideen ist. Ich bin Wahlschweizer und dafür sehr dankbar.

Die Entwicklung fühlt sich wie ein angenehmer, stetiger Flow an. Es geht vorwärts, aber balanciert. Manchmal sieht man das plötzlich deutlich und denkt: Es läuft schon. Aber es hat auch einen Chill.

Was würdest du dir für die Schweizer Modeszene wünschen?

Mehr Dufourstrassen in der Schweiz! Die Menschen hier sind fancy und gleichzeitig bodenständig. Nichts ist verstellt oder aufgesetzt. Es ist kein Fake, sondern Lifestyle: sehr stilvoll, aber bewusst. Kein «I’m going mad»-Zirkus, sondern einfach fancy. I’m loving it!

Hier findest du die Designs von Adam Brody: Webseite | Instagram

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